Der Ilepol von Schölen

Wenn man an der sandigen Haffküste, bei Schölen entlang wandert, bemerkt man da einen Teich, der seit alters her „dat Ilepol“ heißt. Er soll unergründlich tief sein; mit einem Wiesenbaum, hat man seinen Grund noch nicht ausmessen können. Mitten in diesem Teich liegt wie ein Auge, eine kleine Insel. Nun erzählen die Leute, wo jetzt der Teich ist, habe früher eine Kirche gestanden, und wo sich jetzt die Insel befindet, stand der Altar der Kirche. Ja, man soll vor etlichen jahrzehnten ein großes Zifferblatt gefunden haben, das noch von der Kirche herrührt.

Vor diesem unheimlichen Teich hat jeder ein Grauen, und niemand wagt es, ihn zu durchschwimmen. Nun saßen eines Nachts zwei Hütejungen am Ilepol. Sie sollten auf die Pferde aufpassen, die in der Nähe weideten. Die Jungen starrten auf das schwarze Wasser des Teiches, die Pferde grasten auf der benachbarten Wiese. Da sagte plötzlich der eine Junge:“ Diese Nacht probiere ich es!“-„Was willst du probieren?“fragte der andere Junge. “ Über den Ilepol schwimmen.“- „Um Gottes Willen“, schrei der andere Junge,“du ertrinkst! Weißt du nicht; daß er so tief ist, daß die ganze Kirche darin versunken ist?“.

Aber der hörte ihn schon nicht mehr. Eilig lief er zu dem Haff, und holte Binsen. Dann zog er sich aus, legte die zusammengebundenen Binsen unter die Brust, und sprang ins Wasser. Alles Bitten seines Freundes hörte er nicht. Anfangs schien es, als würde er glücklich hinüberkommen. Er hatte schon die Mitte des Pfuhls  durchschwommen, nur vielleicht zehn Meter trennten ihn noch vom anderen Ufer. Sein Freund, der am Ufer zurückgeblieben war, und immer wieder geschrien hatte:“ Komm zurück! Komm zurück“; glaubte nun auch, daß der Tollkühne sein Ziel erreichen würde.

Da – was war das? Der Schwimmer verschwand in den Fluten. Das Wasser strudelte und rauschte, aber den Knabe sah niemand mehr. Schreiend und jammernd lief der andere Hütejunge ins Dorf, und holte den Bruder des Ertrunkenen. Dieser lief sofort zum Ilepol, und schrie und rang die Hände. Da raunte ihm eine unsichtbare Stimme zu, er solle nicht mehr weinen, sonst finde der Tote keine Ruhe.

Aber seit der Zeit hat man jeden Abend am Ilepol eine weiße Gestalt gesehen, welcher der Kopf fehlte. Das war ein Grund mehr, diesen verwunschenen Teich zu meiden.

Quelle: Aus Sagen und Schwänke aus Natangen – von Horst Schulz, Verden (Aller) 1992.

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