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Das gestörte Frühstück bei Herrn Kantor

Von Emil Johannes Guttzeit

bladiau_3.jpgDas Kirchdorf Bladiau im Kreise Heiligenbeil war Mittelpunkt eines der größten Kirchspiele Ostpreußens. Die mitten im Dorfe erhöht stehende Kirche grüßte tagaus, tagein die Dorfbewohner, sie lag nämlich an der belebten Reichsstrasse 1 und an einer Durchgangsstrasse vom Frischen Haff nach Lank und nach Zinten. Das Gotteshaus mit dem massigen unt trutzigen Westturm war Zeuge ordenszeitlicher Baukunst. Wer das Kirchenschiff betrat, war beeindruckt von der reichen Ausstattung. Die in Blau ausgemalte Decke mit untergelegten Rippen und Hängezapfen – mehreren wappengeschmückten Gutsständen und Emporen – der reichausgestattete Altar – die prächtige Kanzel und der Beichtstuhl, alles aus der Barockzeit, und eine Kreuzigungsgruppe aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, zeugen von einer Kirchenkultur, wie sie nur selten in ländlichen Kirchen zu finden war.

In dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Dorfkern lagen mehrere stattliche Bauernhöfe, einige Handwerksbetriebe und alte Gaststätten. Auch ein paar Geschäfte, eine Apotheke und die Post waren vertreten.

In diesem vom Verkehr begünstigten und wirtschaftlich bevorzugten Bladiau wirkte der allgemein verehrte Hauptlehrer und Kantor Carl Küßner von 1893 bis 1926. Er leitete die mehrklassige Volksschule – war zweifacher Standesbeamter -Redant der Raiffeisenkasse – Vorsitzender der Kirchspiel-Lehrerschaft und führendes Mitglied in verschiedenen Vereinen. Im Sommer veranstaltete er die beliebten Schulfeste, und im Winter erfreute er die Dorf- und Kirchspielbewohner durch Theatervorführungen und musikalische Darbietungen. Es lief fast alles im Dorfleben mit oder durch den Kantor Küßner. Mit besonderer Liebe widmete er sich der Musik. Mehrmals im Jahre besuchte er Konzerte in Königsberg, um sich an ihnen zu erfreuen und sich anregen zu lassen.

Als ich 1919 im Kirchspiel Bladiau meine erste Lehrstelle erhielt, schwärmten viele Kirchenchormitglieder – dem auch ich beitrat – von ihrem Kantor und erzählten von begeisternden Festen und der Aufführung der „Glocke“, wie es kein Kantor vor und nach Küßner fertiggebracht hatte.

In seinem langen Lehrer- und Organistendasein hatte sich der Kantor Küßner angewöhnt, in den großen Pausen während des Schulunterrichtes und ebenso währens des Gottesdienstes, wenn der Pfarrer mit der Predigt begonnen hatte, in seiner Wohnung, das zweite Frühstück einzunehmen. Seine Frau stellte es ihm stets rechtzeitig auf das Klavier: ein Glas Milch und zwei mit Wurst belegte Schnitten Brot. Das Frühstück war so bemessen, daß dazu die Pause am Alltag und die Predigt am Sonntag ausreichten, um sich genüßlich zu stärken. Dabei genoß der Herr Kantor das kleine Mahl stehend und plaudernd.

An einem winterlichen Oktobersonntag des Jahres 1919 wurden die Konfirmanden und Konfirmandinnen eingesegnet. Die Kirche war bis auf den letzten Platz mit festlich gekleideten Menschen gefüllt. Vor dem Altar saßen die in Schwarz gekleideten jungen Menschen. Auf der Orgelempore hatten die Mitglieder des Kirchenchores Platz genommen. Pfarrer Paul Glage – er amtierte von 1905 bis 1934 in Bladiau – hatte die Predigt und dann die Einsegnung der jungen Christen beendet und forderte zum Gesang des Liedes „Der beste Freund ist in dem Himmel“ auf. Pfarrer und Gemeinde erwarteten den Einsatz der Orgel. Der Herr Kantor war aber noch im Kantorhaus und genoß mit Wohlbehagen sein Frühstück. Pfarrer Glage wurde ungeduldig, er blickte immer wieder zur Orgelempore hinauf. Die Orgel aber schwieg. Die Sänger des Kirchenchores drehten ihre Köpfe nach der Orgel hin – kein Ton. Da schob sich meine Braut aus der Menge heraus, trat auf mich zu und sagte kurz: „Spiel Du“.

Den Mantel abwerfen – die Gummischuhe abstreifen – sich auf die Orgelbank schwingen – waren ein einziger Augenblick. Rasch schlug ich das Choralbuch auf und setzte ohne Vorspiel mit dem Liede ein das in voller Lautstärke erklang: denn die Register waren vom Kantor so gezogen und eingestellt geblieben. Kein Wunder, daß der frühstückende Herr Kantor von dem lautstarken Orgelspiel aufschreckte, so daß ihm der Bissen fast in der Kehle stecken blieb.

„Das ist doch nicht möglich!“ Im Eilschritt erreichte er die Kirche, nahm je zwei Treppenstufen auf einmal. Freudestrahlend klopfte er dem jungen, spielenden Lehrer auf die Schulter und sagte: „Gut,gut, Kollege!“. Er schob sich zu ihm auf die Orgelbank, griff in die Tasten und – spielte die Weise weiter in seiner vollendeten Form.

– Der sonst so überlegende und pflichtbewußte Herr Kantor hatte nicht daran gedacht, daß die Zahl der Konfirmanden dieses Mal viel geringer als in den Jahren zuvor war.

Quelle: Heimatblatt 2006 der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil

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