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Als Gespannführer in Adlig Pohren

Das Gut Adlig Pohren – sein letzter Besitzer war Roderich von Schichau – gehörte zur Gemeinde Windkeim und lag unweit der Berliner Chaussee halbwegs zwischen Bladiau und Ludwigsort. Mein Onkel – Ferdinand Liebsch – ein Mann mit Pferdeverstand und von Kindesbeinen mit der Landwirtschaft vertraut – war dort bis zur Flucht im März 1945 rund 27 Jahre als Gespannführer tätig.

Als wir, meine Cousins Paul und Bruno Liebsch und ich – wieder einmal in Erinnerungen an zu Hause schwelgten – erzählte man mir von einem Erlebnis meines Onkels – das beweist: ein Erntetag konnte sich sehr wohl von einem anderen unterscheiden.

Wie üblich war mein Onkel an diesem bewußten Tag schon um vier Uhr früh bei seinen Pferden – um sie zu füttern – zu tränken – zu putzen und um auszumisten. Als punkt sechs Uhr die Glocke angeschlagen wurde, das offizielle Signal für den Arbeitsbeginn, verließen die ersten mit langen Leitern ausgestatteten Wagen den Gutshof. Während mein Onkel als Gespannführer auf dem linken Pferd direkt vor dem Wagen die Zügel führte, saßen die dazugehörenden Leute – ein Mann – zwei Frauen und ein etwa zwölfjähriger Junge – auf dem Boden des Wagens und ließen ihre Beine zwischen den Sprossen nach außen baumeln.

Das das Feld mit dem abzufahrenden Roggen sehr nah lag, bog man schon recht bald auf das etwas niedrigere gelegene Getreidefeld, auf dem die zu Hocken zusammengestellten Garben bereits vom Vortag warteten. Daß der Wagen beim Einbiegen mit dem rechten Vorderrad dabei in eine schon recht ausgefahrene Wagenspur gerutscht war – hatte man mehr oder weniger nur im Unterbewußtsein zur Kenntnis genommen.

Nach dem Zweitenfrühstück gegen acht Uhr wurde es dann wie vorausgeahnt – merklich wärmer. Während mein Onkel und sein männlicher Helfer die Garben auf den Wagen stakten – die beiden Frauen diese zügig entgegennahmen und sie fachgerecht mit den Ähren nach innen und immer schön gleichmäßig über die ganze Wagenlänge stapelten – hatte der Zwölfjährige die recht angenehme Aufgabe – auf dem Pferde sitzend die stetig höher werdende Fuhre von Hocken zu Hocken zu lenken.

Das ging so bis zur Mittagspause kurz vor zwölf Uhr – wo dann Pferde und Personal sich stärken und etwas ausruhen konnten. Das ging auch noch so weiter bis zur Vesper – die man verschwitzt und staubig im Schatten hochbeladener Wagen oder noch vorhandener Hocken sitzend zu sich nahm…. Aber dann wurde mein Onkel unruhig. Eigentlich war es nicht üblich, daß man nach harter Feldarbeit noch irgend welche Besuche machte. Aber da sein Bruder in Rippen heute einen runden Geburtstag erreicht hatte – wollte er ihm doch wenigstens einmal direkt gratulieren und nicht erst wie gewöhnlich am Wochenende danach.

Die letzte Fuhre war geladen. Der Wiesenbaum wurde nach oben gereicht und mit kräftigen Stricken nach unten festgezurrt. Die beiden Frauen machten es sich auf dem duftenden Getreide bequem – der Zwölfjährige und sein älterer Mitstreiter fanden am Wagenende noch einen Platz und mein Onkel nahm wieder seine gewohnte Position als Gespannführer ein. Leicht schwankend setzte sich das schwere Gefährt in Richtung Straße in Bewegung.

Irgendwie ergab es sich, daß mein Onkel die Auffahrt zur Straße nicht gerade anfahren konnte – sondern mit Hilfe einer Rechtskurve. Und da er mit seinen Gedanken wohl schon ein wenig bei seinem Bruder sein mochte – achtete er beim Eindrehen nicht darauf, daß das linke Vorderrad seines Wagens jetzt direkt auf die inzwischen noch tiefer ausgefahrene Wagenspur zuhielt. Da die Straße ja etwas höher lag – versuchte er mit Schwung hinaufzukommen.

Da passierte es! Der schwerbeladene Wagen neigte sich plötzich über das linke Vorderrad zur Seite – ein durch Mark und Bein gehendes Krachen von splitterndem Holz folgte – die Frauen kreischten auf – und die Pferde blieben wie angewurzelt stehen. Als mein Onkel wie betäubt vom Pferd stieg, gewahrte er das bedenklich schräg stehende Rad in der Spur – es hatte aber standgehalten. Nicht standgehalten hatte dieser Unachtsamkeit der Langbaum unter dem Wagen. Der hatte sich während der unglücklichen Rechtskurve an der Schere an der Vorderachse verklemmt und war gebrochen.

Um es kurz zu machen. Ketten mußten den Langbaum bis zum Gutshof ersetzten. Und die Gratulation zum Geburtstag wurde wegen der verspäteten Heimkehr nach diesem Mißgeschick wieder wie üblich am kommenden Wochenende nachgeholt.

Quelle: Heimatblatt der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil  1991

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