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Erinnerungen an Groß Windkeim

Von Helmut Kretschmann

 

Wir, die Kinder der Eheleute Franz und Helene Kretschmann aus Groß Windkeim, Ruth – geboren 1927 – die Zwillinge Helmut und Rudi – geboren 1933.

 

Hier war unser Zuhause, der Hort einer sorglosen Kindheit. Unsere Eltern betrieben den Kaufmannsladen in Groß Windkeim und belieferten die umliegenden Güter:

Adlig Pohren – Klein Windkeim – Pottlitten – Warnikam.

Im Jahre 1925 eröffnete unser Vater Franz Kretschmann auf dem erworbenen Grundstück ein Kolonialwarengeschäft mit Eisenwarenhandlung. Die Eheschließung mit unserer Mutter Helene Amalie – gebroene Clemens – erfolgte 1926. Von dem Zeitpunkt an führten unsere Eltern das Geschäft gemeinsam.

Unser Vater hat bis 1939 die Waren von den Lieferanten mit seinem kleinen Lieferwagen selbst abgeholt. Ab 1939 erfolgte die Anlieferung durch die Deutsche Reichsbahn. Bier – Spirituosen sowie Kühleis lieferte die Brauerei. Zu Ostern und Weihnachten wurde das Warensortiment durch verschiedene Artikel erweitert z.B. spezielle Süßigkeiten – Spielzeug – Porzellan und Geschenkartikel.

Nach unserer Geburt (der Zwillinge) wurde eine Verkäuferin, Frau Ella Kossack aus Warnikam – zur Entlastung unserer Mutter eingestellt. Die umliegenden Orte – Adlig Pohren – Klein Windkeim – Packerau -Kaul- Rejothen – Warnikam und Wedderau, wurden von unserem Vater mit dem Auto beliefert, aber die kleineren Einkäufe wurden von den Kindern, die in Groß Windkeim zur Schule gingen, nach Schulschluß getätigt. Denn es gab ja immer Bonbons – Karamel- oder Himbeerbonbons aus einem großen Glashafen, der auf dem Verkaufstresen stand, als kleine Belohnung.

Wie viele andere unserer Landsleute sind wir mit unserer Mutter am 20. Februar 1945 über das Frische Haff geflüchtet und von Gotenhafen mit der Deutschland über die Ostsee nach Rügen gekommen. Von Rügen mit dem Zug nach Heide in Schleswig Holstein. Unser Vater hat uns hier gefunden, als er aus dem Krieg zurückkam. Auch unsere Tante Helene Kretschmann ist zu uns gestoßen. Sie besaß den Erbhof unserer Großeltern in Groß Windkeim.

Weihnachten 1997 erreichte uns ein Anruf von Horst Grabb, ebenfalls aus Groß Windkeim – jetzt wohnhaft in Rosengarten – und damit begann wieder die Verbindung zu den Windkeimern und der Heimat. Ebenso bekamen wir Kontakt zu Konrad Wien und schlossen uns seinen Reisen nach Ostpreußen 1999 und 2001 an. Durch diese Fahrten haben wir mit vielen Windkeimern Kontakt aufnehmen können und die Vergangenheit wurde wieder lebendig. Wir haben durch diese Reisen und den Besuch der Kreistreffen in Burgdorf nicht nur Konrad Wien – Horst und Eva Grabb getroffen – sondern auch die Kinder von Hasenpusch (Georg – Dora und Christa), Günter Naujoks, Heinz Schönfeld und Rosemarie Makowe geb. Juzewitz. Auch aus den Nachbarorten sind viele mit uns gefahren. Diese Begegnungen und der Austausch von Gedanken und Erzählungen haben uns vieles von Vergeßenem in Erinnerung gebracht. Wir erinnerten uns an die heißen Sommer und kalten Winter mit viel Schnee. An die Streiche und den Schabernack – den wir gemeinsam begangen haben. Auch an die Fahrten mit dem PKW unseres Vaters nach Königsberg – Rauschen und Cranz – an die Besuche unserer Oma – an die Arbeit im Kaufmannsladen auf dem Bauernhof der Tante Lene – an unsere Hunde – die Schulen in Groß Windkeim und Heiligenbeil. Es kamen aber auch die Erinnerungen an den Einmarsch der Russen und an das furchtbare Erlebnis der Flucht.

Wir haben vor einigen Jahren in Groß Windkeim unser elterliches Grundstück besucht, aber unser Haus war abgerissen und mit einem anderen Bau versehen. In diesem Haus wohnen jetzt drei russische Familie, die 1997 aus der Nähe von Moskau dorthin umgesiedelt wurden.

Es ist in unserer Heimat nichts mehr so wie es früher war. Die Häuser- die den Krieg einigermaßen überstanden hatten – läßt man verfallen. Die Äcker und Weiden versteppen. Was war es doch für ein blühendes Land – trostlos heute! Es liegt eine gewisse Schwermut über dem Land.

Es war ein großes Erlebnis, zusammen mit den Windkeimern und den Landsleuten aus den Nachbarorten gemeinsam Gedanken und Gefühle auszutauschen. Sie brachten uns Momente unserer Kindheit wieder. Diese Reise haben uns viel gebracht.

Unsere Eltern sind 1955 und 1962 in der Nähe von Heide verstorben. Wir Geschwister leben mit unseren Familien in Schleswig-Holstein und können uns öfter sehen. Ruth ist seit 4 Jahren Witwe. Oft erzählen wir von Groß Windkeim – aber es liegt über ein halbes Jahrhundert zwischen dem heute und unserer Kindheit in Groß Windkeim. Die Zeit läßt sich nur in Gedanken zurückholen leider.

Quelle: Heimatblatt  der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil – 2003

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