Wolittnick am Haff

Von Louis Passarge

Der alte Bahnhof von Wolittnick

Der alte Bahnhof von Wolittnick

Wolittnick war ursprünglich ein Vorwerk der großen Weßlienenschen Rittergüter, bestehend aus fünfzehn Hufen Land, drei Wirtschaftsgebäuden und einem Wohnhause mit Strohdach, das mein Vater etwa Mitte der dreißiger Jahre durch ein Dachpfannendach ersetzte. Als er Wolittnick – eigentlich Wolittnicken, aber die letzte Silbe verlor sich allmählich – 1820 pachtete, gehörten die Weßlienenschen Güter noch einem Grafen von der Groeben; sie waren jedoch wegen der großen Schulden des Eigentümers von der Ostpreußischen Landschaft, die ein bedeutendes Pfandbriefkapital darauf stehen hatte, sequestriert. Anfangs der dreißiger Jahre wurden dann die einzelnen Güter, darunter Wolittnick, im Wege der Subhastation verkauft, und mein Vater erstand letzteres für elftausend Taler (à 3 Mark). Als er das Gut im Jahre 1860 freihändig verkaufte, erhielt er sechzigtausend Taler dafür. So sehr hatten sich die Zeiten zum Besten der Landwirtschaft geändert. Darum gab es damals auch noch keine Agrarier.

Das Gut liegt etwa zwanzig Minuten von einer Bucht des Frischen Haffs entfernt, im Norden von diesem durch den Haffberg getrennt, von dem man eine schöne Aussicht nach den alten deutschen Ordensburgen Balga und Lochstedt und bis Pillau an der Ostsee hat. Nach Norden fast offen, wird der Gutshof westlich durch eine große Scheune gedeckt, die den oft fürchterlichen Nordweststurm abhält. Es gibt Tage, wo man das dumpfe Brausen der fast zwei Meilen entfernten See vernimmt. Dafür klingt aber auch von Süden, bei gutem Wetter und günstigem Winde, die Glocke der Kirche zu Bladiau herüber. Im Osten führt eine Birkenallee zu einem sandigen heidnischen Begräbnisplatz, wo wir Kinder Bernstein- und Glasperlen auflasen; im Süden fließt mit starkem Gefälle ein Bach vorüber, der von dem Weßlienen-Bladiauer Hochlande kommt und eine tiefe Schlucht gewühlt hat. Dieser Erlengrund ist der Naturpark von Wolittnick. Unzählige Quellen sprudeln aus den beiden Steilufern, ebenso im Sommer wie im Winter, und da sie die Wärme der Jahrestemperatur (9 Grad C) haben, so erwacht im tiefen Grunde das Pflanzenleben sehr früh. Es gibt hier schon im Februar, fast noch unter dem Eise, zahlreiche Kresse. Alle Wiesen- und Waldblumen, namentlich die Kuhblume (Caltha palustris), blühen in diesem geschützten Grunde vierzehn Tage früher als anderswo. Im Sommer bedeckt sich dafür der Boden, soweit er nicht sumpfig ist, mit Nesseln von mehreren Fuß Höhe. Außer den Erlen, die in zwanzig Jahren hohe Bäume bilden, gedeihen hier, sich oft auf hohen Wurzeln aus dem Sumpfe erhebend, Faul- (Prunus padus) und Quitschen-(Ebereschen-)Bäume (Sorbus aucuparia). Zahlreiche Drosseln nähren sich im Herbst von den roten Beeren der letzteren, werden dann aber auch in Pferdehaarschlingen gefangen. Auch der Kuckuck stellt sich hier zeitig ein und antwortet auf die Frage, wie viele Jahre man noch leben werde.

Am Ausgange des Grundes staut eine Schleuse das Fließ – so werden die Bäche hier genannt – etwas an, um das Wasser einer tiefer gelegenen Mahlmühle zuzuführen. Da es fast ausschließlich Quellwasser ist, behält das Fließ in seinem ganzen Laufe, von Weßlienen ab, Sommer und Winter, eine tiefe, gleiche Temperatur. Im Winter gefriert es nur leicht an der Oberfläche, im Sommer ist es eiskalt, so dass eine große Überwindung dazu gehört, darin zu baden. Ich habe in Ostpreußen nie wieder einen so kalten Bach kennen gelernt. Wir zogen denn auch meist das lauwarme Wasser des Haffs vor, doch nicht dann, wenn es sich zeitweise mit Millionen von Pflanzenfasern anfüllte, die einen fauligen, Fieber erzeugenden Geruch verbreiteten. Man sagte dann, das Haff blühe. Eine sehr lästige Blüte. Sie heißt dort Entenflott.

Im übrigen war das Haff für uns das Seltsamste in der sonst so einförmigen Landschaft, nicht bloß wegen seiner weiten Fläche, über welche der Blick weit hinausschweifte bis Pillau mit seinem weißen Leuchtturme, und nach Norden, wo das Samland aufblaute, sondern auch wegen seines Strandes, auf dem wir Muscheln und Bernsteinstückchen auflasen, und seiner reichen Vegetation, bestehend aus Rohr, Kalmus und Binsen, durch deren hohes Dickicht (denn so darf man es wohl nennen) schmale, heimliche Kanäle nach Wolitta führen. Vielleicht nirgends gibt es ein so unendliches Gewirr von Mummeln wie hier. Die Länge ihrer Stengel beträgt wohl fünf und mehr Meter, darin sich der Fuß des Badenden leicht verfängt. Hier nisten auch unzählige Wasservögel und erfüllen, aufgescheucht, die Luft mit ihrem heiseren Geschrei.

Wir verstanden es, aus den Binsen Schiffchen zu flechten, auch spitze Hüte, in Form von Reusen, leider sehr ephemere Kronen. Wenn wir in einer der kleinen „Lommen“ in dieses seltsame Binsenlabyrinth fuhren, versank gleichsam die ganze Welt hinter uns, so dass uns eine Art Angst überkam und wir baldigst den Rückweg suchten.

Der Erlengrund blieb aber unser schönster Aufenthalt, von frühester Jugend an. Dort sammelten wir die ersten Kresse für den Sonntagstisch, pflückten wir die ersten Blumen, schlugen wir Bänke auf und legten rasenbedeckte Ruhesitze an, darauf zu sitzen freilich meist  recht feucht war. Selbst ein kleines Boot schaukelte auf dem durch die Erlen eingeschränkten Bach; darin liegend habe ich einst zum ersten Male mit unbegrenztem Entzücken den Faust gelesen.

Auch die jüngere Welt besuchte diesen Naturpark gern. Auf der Höhe bei der Sehnsuchtsbank  glaubte man sich auf einer Alpe zu befinden und sang mit lauter Stimme das Prochsche: Von der Alpe tönt das Horn. Die Mützen und Hüte wurden im Frühling mit den Kränzen der Anemonen geschmückt, die im Schutze des Nussstrauches zeitig blühten; die duftenden Himmelschlüsselchen (Primula veris) aber wurden bald zu Sträußen, bald zum beliebten Blütentee verwendet. Da der Erlengrund auch den Kühen als Weide diente, komponierte ich später einen Kuhglockenwalzer, der jedoch stark an einen damals viel gespielten Gunglschen erinnerte, aber um so mehr gefiel, als ich ihn als einen solchen ausgab.

Den Gipfel aller Freude aber bildete ein von den trockenen Ästen der Erlen gebildeter Holzstoß, dessen hoch zum Himmel lodernde Flammen am späten Abend das herrlichste Kunstfeuerwerk in den Schatten gestellt hätten, zumal wenn darüber der Mond stand.

Man war damals sehr genügsam und wagte es noch, froh zu sein. Der Wolittnicker Erlengrund ist mir einst das gewesen, was dem Horaz sein Tibur und seine bandusische Quelle war, und ich sage frei nach ihm: fies nobilium tu quoque memorum; „auch du wirst unter den gerühmten Hainen nicht fehlen.“ Er setzt sich noch etwa zwei Kilometer südlich bis Weßlienen fort, immer leicht aufsteigend, um schließlich den dortigen herrlichen Park zu durchschneiden, der meist aus Birken besteht, doch auf seinem Boden auch den sonst so wild nur selten vorkommenden Efeu hegt. Im Süden dieses Parkes lag damals – vielleicht liegt er auch noch jetzt –ein ungeheurer Gneisblock, mit glatter Oberfläche und rings wie behauen. In jener erblickte man, eingemeißelt, ein paar Spielkarten und einen Kelch nebst einer Oblatenschale, nach unserer kindlichen Auffassung ein Glas Wein und Kuchen. Wie es hieß, hätten hier einst böse Buben während des Gottesdienstes und sogar während des Abendmahls Karten gespielt. Aus welcher Landschaft Skandinaviens mag wohl einst dieser vom Gletschereis getragene Block gekommen sein? In neuerer Zeit sprengt man überall diese Denkmäler einer einstigen Vorzeit, oft ohne Grund, oft um eines geringen Gewinns willen. Verfolgt man die nahe, von Bolbitten nach Bladiau führende Straße, so trifft man an einer Grenzscheide einen anderen, mehr spitzen Stein. Fuhren damals die Leute mit einer Leiche vorüber, so musste noch immer auf den Stein etwas Stroh vom Leichenwagen geworfen werden, damit der Tote sich darauf ausruhen könnte, wenn er am Abend zurückkehrte, um am Trauermahl der Familie teilzunehmen. Fand man dann in dem aufgetragenen Brei Eindrücke wie von einem Finger, so hatte der Tote davon gegessen. Man durfte also auch auf sein Wohlwollen rechnen.

Es gab damals noch allerlei Totensagen. So hatte man früher auf die Gräber der Angehörigen am Allerseelentage wohl einen Mehlbrei gestellt, als Speise für den Toten. Zu unserer Zeit lebte diese Erinnerung nur noch fort in dem Worte Seelenkleister, wie man verächtlich einen Brei nannte, wenn er besonders zähe war und überhaupt nicht schmeckte; denn die Toten (Seelen) hatten sich auch mit einem schlechten Brei begnügen müssen, wie einst die griechischen Götter mit den Knochen und dem Fett des geopferten Tieres, während die Opfernden das Fleisch für sich nahmen. Betrügt doch der Mensch niemand lieber als seine Götter. Darum spannt beim Aristophanes auch Prometheus, als himmlischer Bote, seinen Regenschirm auf, damit er von den Göttern nicht gesehen werde.

Der schönste Weg und zugleich Spaziergang von Wolittnick ist der ostwärts durch eine Birkenallee über Wangnieskeim nach Weßlienen führende, mit weiter Aussicht auf das Haff und das jenseitige samländische Ufer, über welchem der Galtgarben erscheint. Er mündet nach etwa einem Kilometer in eine herrliche Lindenallee, die sich in einer einzigen Linie, gleich einer ungeheuren Schlange, zu dem hoch gelegenen Weßlienen hinaufzieht.

Quelle: Heimatblatt der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil 2012

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Der Autor Louis Passarge war Sohn eines Gutsbesitzers in Wolittnick bei Heiligenbeil am Frischen Haff. Er wurde Geheimer Justizrat – unternahm weite Reisen und trat als Reiseerzähler – Übersetzter und Memoirenschreiber hervor. Kindheit und Jugend schilderte der 1825 Geborene in „Ein ostpreußisches Jugendleben“ (1903) Er starb 1912.

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