Die Landschaft Bladiau und ihr Gotteshaus

Von Emil Johannes Guttzeit †

Unter den ländlichen Kirchspielen Ostpreußens hat Bladiau durch seine Größe und Bedeutung stets eine besondere Stellung eingenommen. Fast fünfzig Ortschaften mit nahezu fünftausend Bewohnern bildeten die Kirchengemeinde Bladiau. Das große Kirchdorf mit dem bemerkenswer­ten Gotteshaus war Jahrhunderte hindurch der politische, religiöse, gei­stige und kulturelle Mittel- und Sammelpunkt der Bladiauer Großge­meinde.

Im Jahre 1477 fand im Dorfe eine Heerschau statt; der Balgaer Kom­tur musterte die Mannschaft und Ausrüstung der »Landschaft Bladiau«. Bis um die Mitte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts hing an der südlichen Chorwand der Kirche eine alte Plate (Harnisch) nebst Helm und Handschuhen; sie hatte jene Heerschau wahrscheinlich miterlebt; denn in der Ordens- und Herzogszeit mußten die Adligen, Freien und Schulzen, die auf Grund ihrer Handfesten zu Kriegsdiensten verpflichtet waren, solche Rüstungen stets bereit haben. Sie vererbten sich von einer Generation zur andern. Die Bladiauer »Ritterrüstung« erinnerte mich an jenes Ereignis, und ich habe es sehr bedauert, als sie als Leihgabe der Kirche ins PruSsia-Museum wanderte. Dort ist sie sicherlich mit allen an­dern Schätzen im Jahre 1944 zugrunde gegangen.

Aber die Kirche Bladiau und ihre Landschaft künden noch heute von stolzer und reicher Vergangenheit. Denn Hügel und Kuppen, Talauen und Schluchten lassen sich wohl verändern, aber nicht fortschaffen. Das Bladiauer Gebiet erstreckt sich vom Frischen Haff bis zur Jarft und von der ehemaligen Ämtergrenze Brandenburg-Balga bis an die Gemarkung Heiligenbeils; es ist eine typisch wellige Moränenlandschaft mit Buckeln und Hügeln, wo Wiesen und Weiden, Äcker und Wälder einander ab­wechseln. Sie sind aus Ton, Lehm und Sand aufgebaut und werden be­wässert von zahlreichen Bächen und Rinnsalen, die in meist bewaldeten, tief eingeschnittenen und schluchtenreichen Tälern in westlicher Rich­tung zum Haff fließen.

Um manche dieser Schluchten, hier »Gründe« genannt, geistern ge­heimnisvolle Geschichten und Sagen. Mit Grauen gehen wir abends durch »die Rauschnicker Grund«, wo im Dickicht ein Gedenkstein mit den Anfangsbuchstaben eines erschlagenen Pferdejuden liegt, wo Käuz­chen auf dem nahen Gutsfriedhof schreien. An hellen Frühlingstagen aber pflücken wir in dem Rauschnicker Grund die schönsten Leberblümchen. Gefürchtet ist die »Pottlitter Höllegrund«, die zwischen zwei 66 Meter hohen »Bergen« an der Reichsstraße 1 zwischen Groß-Windkeim und Pottlitten liegt. Hier bewacht ein kopfloser Wächter den Aufstieg zum Pillenberg, hier baden des Nachts Wasserjungfrauen und hüten wohl auch den »goldenen Sarg des Schwedenkönigs«, der hier bestattet sein soll. Lieblicher ist »die Schottgrund« zwischen Königsdorf und Quilitten, wo im Frühling große Büschel Maiglöckchen blühen.

Auf dem Lindenberg bei Lokehnen

Einen unvergeßlichen Eindruck von der Bladiauer Landschaft erhält der Besucher des 62 Meter hohen Lindenberges bei dem Gut Lokehnen. Vor Jahrzehnten hieß er im Volksmunde »Donnerberg«; er mag einst von den Prussen als Götterberg verehrt worden sein. Majestätisch und massig wie ein Riese erhebt er sich über ein tiefes und breites Tal, das ihn im Süden durch einen jäh abfallenden Steilhang umschließt. Aber nur von hier führt ein steiler Waldweg an einigen Gräbern vorbei zum Lindenberg hinauf; fast sanft fällt er nach dem nördlichen Gelände ab. Auf sei­nem halbkreisförmigen Gipfel stehen drei uralte Linden, eine hat einen Umfang von sechs Metern. Unter den Baumriesen laden zwei ehemalige Taufsteine, die zu granitenen Sesseln geschlagen sind, zum Verweilen ein. Neben ihnen liegen mehrere gut erhaltene Mahlsteine unserer heidnischen Vorfahren. Hier ist der rechte Ort, von vergangenen Zeiten, von Prussen und Rittern, von Göttern und Helden zu träumen.

Genießen wir den herrlichen Rundblick! Wir schauen über ein farben­prächtiges Land mit wogenden Roggenfeldern, mit dunkelgrünen Wäldern, mit saftigen Wiesen an der Haffküste, hier und da unterbrochen von den rotleuchtenden Dächern einiger kleiner Ortschaften. Noch schöner ist die Fernsicht zum silbernen Haff, zum gelben Nehrungsstrei­fen, zu den verschwommenen Höhen des Samlandes. Einzigartig und einmalig zeigt sich die Balgaer Halbinsel: wie ein Relief im Sandkasten liegt sie vor uns ausgebreitet; aus dunklem Grün leuchtet die rote Ruine der Ordensburg hervor, scharfe Linien zeigt die Steilküste bei Kahlholz, und in den Buchten von Wolitta und Foliendorf scheinen Land und Haff ineinanderzufließen. Es gibt kaum einen zweiten Ort, wo man die Balgaer Halbinsel so weitflächig, so ganz mit einem Blick erfassen kann; man müßte schon ein Flugzeug benutzen.

Schleuse

Auf dem Lokehner Lindenberg ist mir die unverfälschte Naturschön­heit und der Reichtum unserer Heimat so ganz bewußt geworden; des­halb gilt er mir auch heute noch als Edelstein der Bladiauer Landschaft. Ihr Herzpunkt aber ist das Kirchdorf Bladiau. Seine unmittelbare Umge­bung liegt fast achtzig Meter hoch und überragt alle anderen »Berge«, Dörfer und Güter; nur der 110 Meter hohe Fuchsberg am Wege nach Rödersdorf macht eine Ausnahme und leitet über zu den Zintener End­moränenzügen. Die Höhenlage Bladiaus ist besonders beachtlich und auf­fallend, wenn man von Wolittnick oder Heiligenbeil etwa fünfzig Meter nach dem Kirchdorf »hinaufsteigen« muß. So groß ist der Höhenunter­schied zwischen diesen Orten. Vielleicht hat diese »überragende« Lage Bladiaus auch dazu beigetragen, dies prussische »Feld« zum Mittelpunkt der Landschaft zu machen, hier eine Kirche zu erbauen.

Neben den natürlichen Schönheiten, den landschaftlichen Reizen gibt es dort auch solche geschichtlicher Art. Seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ist das Bladiauer Gebiet bewohnt gewesen. Die eingebore­nen Prussen gaben ihren Dörfern die Namen Bolbitten, Kirscheiten, Schreinen, Paplauken, Rauschnick, Quilitten, Stuthenen, Kordommen, Partheinen, Mükühnen, Wangnieskeim, Weßlienen, Wolittnick, Lokeh­nen, Laxdehnen, Rejoten, Pohren, Pottlitten, Windkeim, Warnikam. Ihre Edlen, Fürsten oder Reiks, saßen in sicheren Burgen, deren erhaltene Wälle noch heute von geschickter Anlage und Stärke zeugen: der Pillen­berg von Pottlitten, der Burgwall von Stuthenen, der Nußberg von Par­theinen. Ihre Toten haben die Prussen auf großen Friedhöfen jahrhun­dertelang bestattet, sie sind als reiche Gräberfelder bekannt geworden: der Kapniesenberg von Warnikam, der Geisterberg von Stuthenen-Kor-dommen, der Kapkeberg von Partheinen. Auch zahlreiche Einzelfunde von Waffen, Schmuck und Gebrauchsgegenständen beweisen die dichte Besiedlung der Bladiauer Landschaft in ur- und frühgeschichtlicher Zeit.

Aus Findlingen erbaut

Im 13. Jahrhundert kommen deutsche Ritter und nach ihnen deutsche Bauern in den Bladiauer Raum und errichteten neben den prussischen Wohnsitzen Herrenhöfe und Bauerndörfer. Als erste deutsche Anlage entsteht — jedenfalls an Stelle eines prussischen Ortes — das deutsche Bauerndorf Blaudiau mit 65 Hufen Land. Es ist wohl schon um das Jahr 1300 als Kirchort gegründet worden. Der unverkennbare Turm des noch heute bestehenden Gotteshauses ist als Wehrturm erbaut worden, sein Untergeschoß stammt aus der Gründerzeit und hat mehr als drei Meter dicke Mauern! Das in seinem ältesten Teile erhaltene Kirchenschiff ist aus Findlingen mit Backsteinrahmungen errichtet.

Dorf und Kirche Bladiau waren im Jahre 1337 vorhanden; bereits in jenem Jahrhundert werden einige Söhne des Dorfes Bürger der Stadt Braunsberg, sie tragen den Namen B1 a d e y oder B1 a d y e, und im Jahre 1379 ist Nicolaus de Bladia Propst des samländischen Domkapitels. Für die Größe des Bladiauer Kirchspiels zeugt die Einrichtung der zwei­ten Pfarrstelle im Jahre 1401 und für den geistigen Mittelpunkt das Vor­handensein einer Schule im Jahre 1502; der »Schulmeister« Petrus Große tritt in diesem Jahre mit dem Pfarrer Jacob Plowitz und dem Schuma­cher Eckart als Zeuge in einer Urkunde für den Vikar Johann Prastell in Bladiau auf.

Nach der Gründung Bladiaus entstanden noch andere deutsche Zins-bauerndörfer wie Lank, Rödersdorf, Grünwiese, Schönrade. In den ersten beiden Dörfern waren auch Kirchen erbaut worden, sie gingen nach ihrer Zerstörung im 15. Jahrhundert ein. Aber die Bladiauer Kirche hat alle Stürme und Nöte überdauert: Kriege, Brände und Pestzeiten. Ihre star­ken Mauern trotzten den Angriffen. Der um 1400 erbaute Chor und die nördliche Sakristei aus etwas späterer Zeit sind bis 1945 erhalten geblie­ben wie die neben der Orgel hängende gotische Kreuzigungsgruppe von dem ehemaligen Triumphbalken (sie soll um 1430 entstanden sein). Bla­diau gilt überhaupt als eine von den bemerkenswerten Landkirchen Ost­preußens mit einer reichen und vollständig erhaltenen alten Inneneinrich­tung. Die um 1700 mit Bildern aus dem Alten und Neuen Testament bemalte Holzdecke wirkt mit den untergelegten Rippen und Hängezap­fen wie eine dreischiffige Wölbung.

Der Altaraufsatz, die beiden Beichtstühle und die Kanzel mit dem von Kreytzenschen Wappen, der Gutsstand an der Nordwand wie der schwe­bende Taufengel stammen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts und sind vermutlich in der Werkstatt des Königsberger Bildhauers Isaak Riga ent­standen. Die Familie von Kreytzen besaß von 1570 bis 1716 die umfang­reichen Weßliener Güter. In Königsberg gab sie dem »Kreytzenschen Platz« den Namen.

Emporen mit reichem Wappenschmuck

An der Südwand des Chors fällt das Gestühl des Gutes Partheinen auf; es zeigt schöne Einlegearbeit aus der Zeit um 1640 und dürfte von demSchnitzer der Waltersdorfer Kanzel hergestellt sein. An der Rücken­lehne und an der vorderen Brüstung sehen wir die acht Ahnenwappen des Hofgerichtsrats Johann Friedrich von Gaudecker, genannt Wargel ( †1683), dessen Familie von etwa 1550 bis 1721 auf Partheinen saß. Dies Gut war dann von 1722 (seit 1744 Majorat) bis 1945 Eigentum der Fami­lie von Glasow.

Es gab in Ostpreußen kaum eine andere Landkirche mit so vielen Guts-gestühlen und Gutsemporen mit Wappenschmuck wie die in Bladiau. Dies ist aus den zahlreichen großen Adelsgütern zu erklären; im Jahre 1930 waren es 22 Rittergüter. Ihre Besitzer haben das Gotteshaus im 17. und 18. Jahrhundert prächtig ausgestattet.

Die Eppingen-Empore an der Nordwand erinnert an die seit 1451 im Kirchspiel reich begütert gewesene Familie von Eppingen. Die vordere Brüstung dieses Chors, auf der neun Frauenbildnisse stehen, trägt das Wappen des letzten Eppingen (Georg Ernst v. E., der in der Schlacht bei Zorndorf 1758 fiel). Es zeigt eine heraldische Besonderheit: An der Herz­stelle des gespaltenen Schildes mit je einer Hellebarde erkennen wir ein kleines Deutschordensschildchen, das auch zwischen den das Kleinod des Helms bildenden Lanzen zu sehen ist. Es erinnert daran, daß ein Fried­rich von Eppingen, der in der Ordenszeit in Preußen eingewandert war, nach dem Tode seiner Gattin Ritter des Deutschen Ordens geworden ist. Die Nachkommen seiner vorher geborenen Söhne haben den Ordens­schild in ihr Wappen aufgenommen.

Andere Gutsstände und Emporen tragen Wappen der Familien von Glasow, Georgesohn, Prüschenk von Lindenhöfen (1855—1902 auf Schreinen), von Negelein (im 18. Jahrhundert auf Weßlienen und Pann­witz), von Portugal, von Massenbach (seit 1498 auf Stuthenen, Paplau-ken, Windkeim), von Rohr (auf Warnikam), von Toussaint, von Bülow (auf Stuthenen und Weßlienen), von Buttlar (1737 bis etwa 1800 auf Pottlitten und Paplauken), von der Groeben (um 1800 auf Pohren), von Schmeling (1861—1885 auf Weßlienen).

Die »Schmeling-Eiche« nicht weit vom 25 Meter hohen Galgenberg bei Wangnieskeim erinnert an Karl von Schmeling, den sein Nachbar, der Rittmeister Aurelius von Charisius auf Mükühnen, etwa im Jahre 1877 im Duell erschoß.

Außer den vielen Wappen, die nicht alle genannt sind, birgt die Bla­diauer Kirche auch mehrere Gedächtnistafeln, alle sind genealogische Denkmäler von hohem Wert. Neben den Einrichtungsstücken soll zum Schluß die große Orgel genannt sein, die die beiden letzten Kantoren, Carl Küßner und Gotthard Hülse, mit großer Liebe zum Lobe und zur Ehre Gottes viele Jahre gespielt haben.

Aber die Perle unter den ländlichen Kirchen Ostpreußens »war ein­mal«. Denn »unsere Heimat ist nur noch ein Trümmerhaufen, in Bladiau stehen nur Grundmauern, und doch würden wir gern wieder zurückkeh­ren, wenn es hieße, Ostpreußen ist frei vom Feind«, so schreibt eine Bla-diauerin, die drei Jahre unter den Russen in der Kolchose Lank hat leben und leiden müssen.

Entnommen dem »Ostpreußenblatt« 1954, Folge 47

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

%d Bloggern gefällt das: