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Über Ihre Gefangenschaft in Bladiau und Lank

schreibt Hanna Kollien

Lank vor dem Kriege…

Als im Mai 1945 der Krieg zu Ende war – sind infolge des großen Durcheinanders der Flucht viele Männer – Frauen und Kinder nach Bladiau zurückgekehrt. Ungeheuer fremd wirkte das vertraute Dorf. Kirche – Schule und viele andere Häuser waren völlig zerstört. Unsern Augen bot sich ein Bild des Grauens. Tote Soldaten und Zivilisten – auch viele verendete Tiere lagen umher. Die Straßen und Felder waren von Panzern zerfahren und große Bombentrichter sah man überall. Minen lagen verstreut – die dann auch noch einige Menschen zerfetzten.

In Bladiau war bereits eine Kommandantur mit vielen Russen eingerichtet und eine Militärkolchose – unter der wir leben und arbeiten mußten.

Die Russen kontrollierten überall. In zerschossenen Häusern schliefen wir, unsere Kleidung und Schuhe fanden wir in den Trümmern der Häuser, oder sie wurden toten Soldaten ausgezogenen. Die Angst – nachts vergewaltigt zu werden – war sehr groß und wir mußten uns oft verstecken. Dazu kam noch die Plage mit den vielen Läusen und Flöhen. Es begann für uns im wahrsten Sinn des Wortes „die Hölle auf Erden“.

Im Sommer mußten wir von 5 bis oft 22 Uhr arbeiten. Schien die Sonne – haben wir nach der Länge des Schattens die Zeit ungefähr bestimmen können. Man war immer so müde – hungrig und psychisch völlig am Ende. Die Suppe, die wir als einzige Mahlzeit mittags bekamen – sah bläulich aus – ab und zu waren ein paar Kartoffeln drin. Wer nicht gearbeitet hatte, bekam keine Suppe – und das waren Alte – Kranke und Kinder. Die mußten sehen, wo sie im Verlauf des Tages etwas zu essen bekamen. Dazu hatte man sich einen kleinen Beutel um den Leib gehängt. Auch in den Schuhen und Stiefeln haben wir Eßbares versteckt – z.B. Roggen – Hafer – Gerste. Und daraus kochten wir Suppe. Die ewige Angst, daß man dabei erwischt wurde, macht uns fast wahnsinnig.

Ich wurde im Sommer 1945 einmal eingeteilt – die Straße Bladiau-Lank in Ordnung zu bringen, und viele Tage war das Bunkerlöcher – Zuwerfen dran. Dann kam der Tag, wo wir in Lankhof die Leichen deutscher Soldaten fanden. Etliche lagen ohne Kopf und Glieder im Keller und auf der Kellertreppe des Hauses K. Ein Schädel lag auf einem Zaunpfahl. Ich war so entsetzt, daß ich völlig am Ende war. In solchen Situationen habe ich fortwährend still gebetet.

1946 brauchten wir ab und zu an Sonntagen nachmittags nicht zu arbeiten. Dann haben wir versucht – Beeren – Pilze und anderes Eßbares aus Feld und Wald zu holen, um unsere Mägen zu füllen. Auch Frösche haben wir totgeschlagen und die Schenkel gekocht. Sahen wir einen zerschossenen Panzer stehen, wurde das Schmierfett herausgeholt – das wir zum Braten von Rüben und Wruken verwendeten – denn der Hunger tat sehr weh. Was freuten wir uns über Silokartoffeln, die wir noch zufällig von 1944 fanden. Sie waren wohl sehr – sehr sauer, und man lebte danach Tag und Nacht mit Sodbrennen, aber es war doch etwas zum Überleben. Als dann Kohl – Mohrrüben – Wruken und Futterrüben größer wurden, sind wir nachts auf die Felder geschlichen. Wir mußten da sehr vorsichtig sein, denn die Russen schossen immer Leuchtkugeln hoch. Die Angst war unbeschreiblich – aber jeder mußte es tun – denn es gab nichts außer Suppe.

Alle organisierten Lebensmittel mußten wir verstecken oder vergraben. Oft fanden wir sie nicht wieder – weil sie schon entdeckt worden waren. Ständig kontrollierten die Russen unsere Behausungen, ob etwas Eßbares vorhanden war. Fanden Sie Getreide – Kartoffeln oder Gemüse – war die Hölle los. Dann gab es jede Menge Schläge und man wurde noch in einen dunklen Keller gesteckt. Auch ich gehörte zu denen, wo es etwas zu finden gab. Ich stand neben Frauen und Männer im Wasser. Die Notdurft mußten wir so verrichten, wo man gerade stand. Es war entsetzlich. Wie oft habe ich mich mit dem Gedanken getragen, mir das Leben zu nehmen – denn in vielen schwierigen Situationen war einem alles egal.

1947 bekamen wir ab und zu schon mal eine Scheibe Brot und etwas Zucker. Das erste Stückchen Brot nach mehr als zwei Jahren! Ständig der Gedanke: wann werden wir frei? Werden wir überleben? Denn so viele Menschen der Kolchose Lank waren schon gestorben.

Das Jahr 1947 verlief trostlos. Im Herbst bezogen Zivilisten unsere Behausungen. Wir wurden auf den Abbau Lank in einem Haus eingepfercht, daß man kaum noch treten konnte. Nach einigen Wochen – es war so im Dezember – begannen die ersten Rücktransporte nach Deutschland. Aus allen russisch besetzten Teilen Ostpreußens wurden die Deutschen in Königsberg gesammelt. Nach elftägiger Fahrt im Viehwagen kamen meine Verwandten – meine Mutter und ich in Thüringen an.

Quelle: Heimatblatt der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil 1995

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