Das Gut Adl. Rauschnick

von Charlotte Gassert

rauschnickRauschnick war ein alter Stammsitz derer von Drauschwitz. Beim Tod des Otto von Drauschwitz fiel das Gut an den Lehnsherrn zurück. 1548 verschrieb Herzog Albrecht die beiden Höfe zu Rauschnick und einen Hof zu Gabditten an Georg von der Groeben, der mit Anna verw. von Podewils auf Puschkeiten geb. von Drauschwitz a.d.H. Rauschnick(en) vermählt war.

Georg von der Groeben wohnte als Geheimer Rat in Königsberg bzw. als Amtshauptmann zu Georgenburg.

Rauschnick war um 1575 ein 12 Hu­fen großes Dorf, in dem die drei Bauern Bartol Heßken, Caspar Germann und Tewes Heßken wirtschafteten. Erbe von Rauschnick wurde der Sohn Christoff von der Groeben (t 1625), der mit seiner Gemahlin Margarethe geb. von Parck a.d.H. Roedersdorf den Sohn Georg und die Tochter Veronika hatte.Von den Geschwistern übernahm zwar 1625 Sohn Georg (t vor 1634) Rauschnick, doch, obwohl verheiratet und Vater eines Sohnes Friedrich, trat er es als Aussteuer, und da er selbst schwer krank war, seiner Schwester Veronika ab, die in zweiter Ehe mit Severin III. Goebel (fl627) verheiratet war. Damit fiel der Hof – in dem mittlerweile ein adliger Hof errichtet worden sein muss – an eine alte bedeutende Familie aus Königsberg, deren Stammvater bereits zur Ordenszeit aus dem Rheinland eingewandert war. Bekannt geworden ist Severin I. Goebel (*1530 in Königsberg, |1612 ebenda), der unter Leitung Philipp Melanchthons zu Wittenberg Medizin studiert hatte und Leibarzt des Landgrafen von Hessen und später Herzog Albrechts geworden war. Gleich ihm wurde auch sein Sohn Severin II. Leibarzt und Professor der Königsberger Universität, Dessen Sohn ist wiederum Severin III., der Veronika von der Groeben heiratete.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts, 1684, bestand der Hof aus dem Wohn­haus mit einem Küchengarten, dem Pfer­destall, zwei Scheunen, einem Backofen und einem Gärtnerhaus (=Arbeiterhaus). Außerdem gab es einen großen Baum­garten mit alten Obstbäumen und einen zweiten ausgedehnten vor dem Haus mit jungen Bäumen.

Um diese Zeit hatte Maria Goebel, geb. Laxdehn (*um 1647), Witwe eines der Erben Severins III.,bereits in zweiter Ehe Nicolaus Homoth geheiratet. Dieser wirt­schaftete 28 Jahre lang schlecht, steckte keinen „Heller" in den Betrieb, so dass der Besitz verwahrloste. Z.B. hat er ein rechtes Kleinod, die ganze Grund – ein Geländeeinschnitt, in dem große Eichen und Linden standen, abgeholzt, verkauft, total ruiniert. Gleichzeitig hat Homoth, der als seltsamer und wunderlicher Mann beschrieben wird, der gerne Pro­zesse angezettelt, sehr wohl und lustig gelebt. Seine Stiefkinder behandelte er nicht wie Kinder, sondern wie Sklaven und Dienstboten, wozu die Mutter um des lieben Friedens willen schwieg.

Nun kam aber die Zeit, da Johann Christoff Goebel (11750/1751) das väterliche Lehngut übernehmen wollte und seinen Stiefvater wegen der Schä­den anging. Dieser jagte ihn zunächst aus dem Hause, doch mit Hilfe seines Vormundes, des Bruders seiner Mutter, Christoff Laxdehn a.d.H. Haselau, konnte Johann Christoff schließlich um 1707 das Gut übernehmen, auch wenn es in den Folgejahren noch zu manchen Streitigkeiten mit seiner Mutter und den Stiefgeschwistern kam .Vermutlich 1712 wurde das eingeschossige Gutshaus mit Mansarddach errichtet.

1748 war Rauschnick im Besitz des Johann Christian Goebel, dann muss ihm Gottfried Ernst Goebel (t vor 1765), der zugleich Generalpächter des Domä­nengutes Kobbelbude war, als Erbherr auf Adl. Rauschnick gefolgt sein und schließlich wird der Kobbelbuder Amts­rat Carl Friedrich Goebel auf Rauschnick genannt.

1785/86 wollte Amtsrat Carl Friedrich Goebel sein adliges Gut Rauschnick veräußern. Dabei kommt es zu einem interessanten Vorgang, der die Politik Friedrich des Großen, der den Adel auf den Gütern erhalten sehen wollte, veranschaulicht – oder umgeht. Am 1. November 1785 schloss Goebel mit Zustimmung seiner zweiten Frau Maria Juliane, geb. Holstein, einen Vertrag mit dem Hauptmann Friedrich Gottlieb Os­wald (*1743 Graebel, Kreis Bolkenhain -1 1828 Rauschnick) und dessen Ehefrau, Marie Henriette, geb. von Podewils verw. von Portugall (*1737 Penken – |1809 in Rauschnick) durch den Rauschnick mit 12 Hufen, 22 Morgen für 9.000 Rtlr. an das Ehepaar Oswald fallen sollte. Da es sich bei Rauschnick um ein adliges Gut handelte, beauftragte Goebel den Gerichtsassessor Carl Ludwig Lilien­thal in Königsberg mit der Einholung des königlichen Konsenses, sollten adlige Güter doch nicht an Bürgerliche fallen. Lilienthal begründete eine Be­fürwortung des Kaufes damit, dass das Gut bereits seit über hundert Jahren in bürgerlicher Hand war, der Käufer einen adligen Posten bekleidete und seine Gemahlin als Mitkäuferin adliger Geburt war. Dennoch wurde das Gesuch abgelehnt, allerdings die Möglichkeit erwogen, dass nicht Oswald, sondern allein seine Ehefrau als Käuferin auf­treten könnte. Dazu erklärt sich Marie Henriette Oswald bereit, und so wurde der Kaufvertrag vom November nun­mehr nur auf sie ausgestellt und von ihr unterzeichnet. Am 6. März 1786 erfolgte die Genehmigung.

Das Ehepaar Oswald führte eine glückliche Ehe. Da er selber nicht vermö­gend war, sprang hier seine Frau ein,u.a. zahlte sie, als er 1786 Major wurde, die erforderlichen Dienst- und Paradepferde sowie die übrige Equipage. 1794 wurde er Oberstleutnant und erhielt den Orden Pour le merite. Zu seinen Verdiensten ge­hörte es, dass er wiederholt dem König Denkschriften über die Ausbildung der leichtenTruppen einreichte, die Zeugnis von dem großen Wissen dieses Generals ablegen, und so stieg er bis 1801 zum Generalmajor auf. Bei der Mobilmachung 1806 trat er zum Korps Blücher und nahm an der verlorenen Schlacht bei Auerstedt teil. „ Oswald gehörte zu den wenigen Generalen, von denen auch Blücher sagen konnte, dass sie sich im Feldzuge von 1806 ohne Tadel benom­men hätten."

Nach demTode seiner Frau übernahm Generalmajor Friedrich Gottlieb Oswald das verschuldete Gut Rauschnick, ver­kaufte es aber alsbald, zumal seine Ehe kinderlos geblieben war, an Friedrich Wilhelm Georg von Marcy (*1774 -tl821 Rauschnick), der 1803 Henriette Johanna von Gottberg (*um 1775 – tl826 Rauschnick) geheiratet hatte.

Nach MarcysTod 1821 erbte zunächst seine Witwe den Besitz und vermachte ihn dann dem Fräulein Friederike Ida von Ciesielski/y (*1804 – tl882 Danzig). Diese heiratete 1824 in Rauschnick Her­mann Leo Maximilian Bor(r)etius (*1803 Kaymen – fl878 Danzig), der in Königs­berg Medizin studiert hatte und Arzt wurde. Zunächst lebte das junge Ehepaar zumindest zeitweise auf Rauschnick, wo der älteste Sohn Oskar 1830 das

Licht der Welt erblickte. Da Boretius Sanitätsrat und Kreisphysikus in Rößel wurde, entschloss man sich 1834 zum Verkauf Rauschnicks für 12.000Taler an Karl Ludwig Thiel ("1798 in Braunsberg – fl870 Rauschnick), der 1839 Henriette Amalie Pries (1808 Moritten – 11887 Rauschnick) heiratete. Nach dem Tod der Eltern übernahm 1888 das Fräulein Therese Thiel (|1907) die Bewirtschaf­tung. "Durch unermüdlichen Fleiß, große Umsicht, regstes Interesse für alle Neuerungen in der Landwirtschaft gelang es ihr, sich in den alleinigen Besitz des Gutes zu setzen, indem sie ihren Schwestern, Frau Österreich und Frau Strömer, die beanspruchte Summe auszahlteAls Besitzerin von Rauschnick scheut Fräulein Thiel, die z. Z. 62 Jähre alt ist, vor keiner Arbeit zurück. Sie steht morgens früh um 5 Uhr auf, revidiert Haus und Hof, fährt allein aufs Feld und hält bei strengem Regiment auf Zucht und Ordnung. Die stete Tätigkeit hat ihr fast einen männlichen Charakter aufge­prägt, ihr Wesen zeigt äußerlich eine fast rauhe Schale – aber der Kern ist gut. Ihre drastische kurze Ausdrucksweise, ihre Art, jeder Sache sofort auf den Kern zu gehen und ihre Ansicht frank und frei auszusprechen, hat sie gewissermaßen zu einem in der ganzen Gegend hoch­geschätzten Original gemacht, das nicht nur innerhalb des Kreises, sondern in ganz Ostpreußen bekannt ist, ja durch Reisen noch weit darüber hinaus. Sie kennt nämlich nicht nur Deutschland, sondern auch Russland bis zur Krim. Schweden, England, Frankreich, Portu­gal, Italien, Malta, das nördliche Afrika. Griechenland, die Türkei, Kleinasien und Österreich, doch ist ihre Reiselust noch nicht gestillt." (Dokument 1905. Privatbesitz)

Am 22. Dezember 1904 brannte das barocke Gutshaus infolge unvorsichtigen Umgangs mit Licht bis auf die Grund­mauern ab, einiges Mobiliar konnte ge­rettet werden. Sofort wurde auf den alten Fundamenten ein zweigeschossiger Bau mit Flachdach neu aufgebaut.

Wer nach Therese Thiels Tod 1907 Rauschnick erbte, ist bisher ungeklärt. 1932 gehörte das 178 ha große Rittergut Adlig Rauschnick Jakob Wirth. Er blieb bis 1945 auf Rauschnick und soll im sowjetischen Lager Lank (>Pottlitten) umgekommen sein.

Anfang der 1990er Jahre standen von Rauschnick noch der Kuhstall,Teile vom Gutshaus und der Gärtnerei. Das Gutshaus ist mittlerweile vollständig verschwunden.

Soweit die Ausführungen von Wulf. D. Wagner aus dem Buch „Die Güter des Kreises Heiligenbeil".

Ich persönlich kenne Rauschnick nur von einigen Besuchen. Einmal wohnten Mitschülerinnen dort, zum anderen brachte ich Schuhe zum Schuster Kra­kau. Dann war da noch der Grund im Winter, erstklassig zum Rodeln – eine lan­ge Tour. Es ging vom Weidegarten durch den Grund, und wer noch gut steuerte, kam auch über den Bach, wenn er denn zugefroren war. Einmal – es war schon Dämmerstunde – wir rodelten immer noch – fuhr ich mit meinem Schlitten gegen einen Baum. Die, die mit von der Partie waren, packten mich auf den Schlitten und zogen mich nach Hause. Am nächsten Tag war aber alles wieder gut.Auch mit der Schulklasse mit Lehrer

Patzerat waren wir zum Rodeln. Das sind meine Erinnerungen an Rauschnick.

Wer erinnert sich noch an den Juden­stein im Rauschnicker Grund? Das war kein gutes Gefühl, im Dunkeln durch die Grund zu fahren. Es ging den Großen wie den Kindern.

Auch an den Gutsfriedhof kann ich mich gut erinnern. Er lag am Rande des Waldstückes – oft Ziel eines schönen Spaziergangs am Sonntagnachmittag.

Zwei Rauschnicker Mädel, die heute noch leben und die ich befragen konnte, sagten einstimmig aus, daß sie gerne in Rauschnick gelebt haben:

Hilde Höland,geb. Köhn – jetzt Erich-Correns-Ring 38 Apt. 312,07407 Rudol­stadt und Martha Struwe, jetzt Fabrikstr. 21,37412 Herzberg;

Auf Gut Rauschnick lebten außerdem, an die ich mich erinnere bzw. die ich kenne:

Gutsbesitzer Jakob Wirth und Frau sowie Jakob Wirth jun.,

dann Rendantin Käte Schulz – eine Verwandte von Wirths – sie hatte zwei Hunde, die sie am Nachmittag oft aus­führte;

dann war da noch Inspektor Wichmann mit Familie – mit Frau Wichmann hatte ich bis zu ihrem Tod Kontakt; Familie Struwe bewohnte ein Haus alleine, sie hatten sieben Kinder. Herr Struwe war Handwerker, reparierte alles; Pferdegeschirre, fertigte auch neue an, machte Stellmacherarbeiten. Quelle Heimatblatt der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil, Folge 56/2011

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