Bladiau – Danzig — Bladiau Fluchterlebnisse in Danzig März bis Mai 1945

von Hans Neumann, Bladiau

Viel zu spät hatten wir unseren Heimatort Bladiau verlassen.

1944 vor unserem Haus

1944 vor unserem Haus: meine Mutter Therese Maaß, geb. Neumann und mein Halbbruder Walter Maaß

Unser Fluchtweg führte von Bladiau nach Heiligenbeil, dann über das bereits brüchige und vom Wasser überspülte Eis des Frischen Haffs bis Kahlberg auf die Frischen Nehrung, dort dann weiter über diverse Landstraßen durch längst geräumte Ortschaften und endete Anfang März 1945 in Danzig-Langfuhr. Wir waren zu viert. Meine Mutter, meine beiden Brüder Egon (10 Jahre), Heinz (8 Jahre) und ich. Ich stand knapp vor meinem 14. Geburtstag.

Die Rote Armee hatte den Landweg über Frauenburg und Elbing in den Westen bereits abgeschnitten. Nach 10 Tagen Fußmarsch waren wir angenehm überrascht, daß die Stadt noch unzerstört und in jeder Hinsicht völlig intakt war. Nach kurzem Aufenthalt in einer Flüchtlingsauffangstelle erhielten wir ein Privatquartier. Mit weiteren Flüchtlingen aus Ostpreußen konnten wir uns in einem schönen Haus in Danzig-Langfuhr einige Tage von den Strapazen der Flucht erholen. Doch dann wurden wir mit dem Inferno des Angriffs der Roten Armee auf die zur Festung erklärte Stadt Danzig überzogen. Tiefkampfbomber warfen Bombenteppiche und schössen teilweise auch mit Bordwaffen auf Menschen in den Straßen und Häusern. Die russische Artillerie feuerte ebenfalls fast pausenlos.

Wir richteten uns notdürftig im Keller des Hauses ein. Elektrizität, Gas und Wasser­leitung fielen aus.Als wir nichts mehr zu trinken hatten, haben wir schließlich sogar das im Keller – vermutlich seit Jahren – in offenen Bottichen abgestellte Löschwasser getrunken. Die Folge waren Durchfallerkrankungen.

Am 27. März 1945 wurden die ersten Stadtbezirke von den Sowjets eingenommen. Was nun folgte, waren sicher die gleichen Bilder wie in allen Orten, die von der Roten Armee erobert wurden. Die ersten Tage waren geprägt von Plünderungen, Erschießungen, Häuser in Brand stecken sowie Verschleppungen nach Rußland.

Auch unsere Mutter wurde mehrfach nach meinem Alter befragt. Da ich zu dieser Zeit relativ klein war, hat man die Angabe meiner Mutter „12 Jahre“ wohl geglaubt. So ist mir das Sowjetparadies erspart geblieben.Am härtesten traf es die Frauen und Mädchen wegen der Massenvergewaltigungen. Zu diesen Tatsachen gibt Frau Clara von Arnim in ihrem Buch „Der grüne Baum des Lebens“ einen detaillierten, eigenen Erlebnisbericht mit dem Hinweis, daß Goebbels dieses eine Mal nicht gelogen hat. Dem ist sicher nichts hinzuzufügen.

Angsterfüllt blieben wir noch Tage in dem Keller, obwohl die Kampfhandlungen inzwischen beendet waren. Erst als ein Soldat vor unseren Augen Brandstäbe ent­zündete und sie schließlich wieder austrat, dann nach oben zeigte, verstanden wir, daß das Haus in Brand gesetzt wird, wenn es unbewohnt scheint. Alle Räume des Hauses waren verwüstet. Was irgendwie von Wert war fehlte. Aus den umliegenden Häusern, die bereits von polnischen Offizieren beschlagnahmt worden waren, kamen weitere Flüchtlinge zu uns.

In einem größeren Raum kampierten wir mit ungefähr 25 Personen, davon ca. 10 Kinder, auf dem nackten Fußboden. Dann wurden auch wir aus dem Haus gewiesen und mußten uns alle nach einer neuen Bleibe umsehen. In einem Gebäude, das durch Artillerie-Einschlag stark beschädigt und an sich auch nicht mehr bewohnbar war, versuchten sich die einzelnen Familien – so gut es ging – einzurichten. Zum Glück war die Küche mit einem Kohleherd nicht so stark beschädigt.Aus Lebensmittelres­ten, die man anfangs noch in den Trümmerhäusern und Bunkern fand, konnte somit wenigstens eine warme Suppe hergestellt werden. Das Wasser mußte mühsam und mit viel Zeitaufwand von einer Pumpe angeschleppt werden.

Die ersten Todesfälle traten auf. In unserem Raum starb ein älterer Mann. Seine letzten Worte waren: „ein Stückchen Brot“. Dieser Wunsch konnte nicht erfüllt werden.

Ich selbst erkrankte ebenfalls und lag tagelang mit hohem Fieber auf einer Matrat­ze, die zur Hälfte mit Regenwasser voll gesogen war, das durch die zerstörten Fenster peitsche. Glasscheiben gab es nicht mehr. Ich hörte die Mutter sagen: „mein Hans wird wohl der Nächste sein“. Dieses trat jedoch nicht ein. Die früheren Bewohner dieses Hauses hatten im Dachraum eine Menge Kamillepflanzen getrocknet. Hiervon hat meine MutterTee gekocht, den ich unentwegt getrunken habe. Langsam erholte ich mich etwas.An meinem 14. Geburtstag freute ich mich über ein paar wärmende Sonnenstrahlen. Dann betätigte ich mich wieder an der Nahrungssuche.In Praust, ca. zehn Kilometer von Danzig entfernt, gelang es mir, an einem russischen Posten vorbei aus einer geöffneten Kartoffelmiete einen halben Kopfkissenbezug voll Kartoffeln zu holen. In der zerstörten Stadt war dagegen so gut wie nichts mehr zu holen.

Russen und Polen feierten abwechselnd. Gegröle war ständig zu hören. So auch am 8. / 9. Mai. Aber daß der Krieg beendet sei, glaubten wir erst, als wir dieses von den deutschen Soldaten hörten, die von der Halbinsel Heia zu einem Sammelplatz marschieren mussten. Sie wurden von dort über eine Weichsel-Notbrücke in die Sowjetunion transportiert.Alle Brücken über die Weichsel waren von den deutschen Truppen vor Wochen gesprengt worden. Um die Disziplin der Kriegsgefangnen nicht zu gefährden, hatte man den deutschen Soldaten vorgegaukelt, daß sie alle entlassen werden sollten.

Das Zusammenbrechen jeder Ordnung, sowie den Hungertod vor Augen, war für uns wie ein Weltuntergang. In der Hoffnung, in ländlichen Regionen doch etwas mehr an Nahrung zu rinden, befolgten wir die Anweisung der sowjetischen Kom­mandantur in Danzig, zurück nach Bladiau zu gehen.

Die Kraft unserer Mutter reichte allerdings nur noch für einen Bruchteil dieses Weges. In dem Dorf Lunau, zwei Kilometer vor Dirschau, brach sie zusammen. Der Tod machte ihrem Leiden ein Ende. Sie starb am 10. Juni 1945 im Alter von nur 50 Jahren. Meine Mutter gehört somit zu den Opfern des Krieges mit seinen verheerenden Auswirkungen in den deutschen Ostgebieten. Nun waren wir drei Brüder Vollwaisen. Ich als der Älteste mußte die Verantwortung übernehmen und änderte unseren eingeschlagenen Weg. Wir versuchten, uns von nun an Richtung Westen durchzuschlagen. Unter großen Entbehrungen und Strapazen gelang es uns auch. Irgendwann erreichten wir Berlin. In einem Flüchtlingslager fanden wir Aufnahme.

1 Kommentar

    • karin Papenfuß aus danzig-langfuhr on 26. Januar 2013 at 16:59
    • Antworten

    Der Bericht hat mich sehr angerührt: mache eine Recherche für eine Chronik

    Freundliche Grüße

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