Aus dem Mitteilungsblatt der Kirchengemeinde Bladiau August 1934

Pfarrer Geiger schrieb im Mitteilungsblatt „Die Dorfkirche“ folgenden Bericht:

 

Vor 20 Jahren

Nach dem Bericht in der Kirchenchronik schrieb der damalige Pfarrer Glage 1914:

Am ersten Mobilmachungstag (1. August) war die Kirche übervoll, es war ein Sonntag, es fand Beichte und Abendmahl statt, und abends um 7 Uhr ebenfalls für ausziehende Krieger wurde noch ein besonderer Abendmahlsgottesdienst gehalten. Am 5. August, einem Mittwoch, folgten die Allgemeinen Kriegs-Landes-Buß-Gebetsstunden mit über 100 Gemeindemitgliedern, die dann in der Folgezeit jeden Mittwoch stattfanden. Die ersten Gerüchte über besorgniserregendes Vorrücken der Russen auf Königsberg zu trafen hier am Sonnabend, dem 22. August, ein.

In den nächsten Tagen verließen viele Gemeindemitglieder, besonders Frauen und Kinder, ihren Wohnort, um weiter westwärts größere Sicherheit zu finden. Auf der mitten durch die Gemeinde und den Kirchort führenden großen Berliner Chaussee entstanden vielfach bedeutende Verkehrsstockungen infolge der gewaltigen Viehherden, die gemäß Landratsverfügung alle auf einmal nach Westen zu kommen suchten. Zuverlässige Nachrichten, ob wirklich Gefahr für Leib und Leben im Anzuge sei, war nicht zu erlangen, da Posttelegraf und Telefonverkehr fast völlig aufgehört hatten.

Einige Guts- und Gemeindevorsteher ordneten bereits die Räumung ihrer Ortschaften an. Da fuhr der Pfarrer persönlich am Mittwoch, dem 26. August, nach Heiligenbeil, um, wenn möglich, beruhigende Nachrichten zu erlangen. Was er von der Bahnhofskommandantur, dem Herrn Landrat und dem Herrn Superintendenten hörte, war nicht dazu angetan, eine allgemeine Flucht zu rechtfertigen.

Abends um 7 Uhr läuteten die Glocken zur Kriegsgebetsstunde, zu der sich wie immer eine große Gemeinde auch aus auswärtigen Ortschaften einfand. Da gelang es gottlob, die Gemeinde wesentlich zu beruhigen und sehr viele von der völlig unvorbereiteten Flucht nach Westen abzuhalten.

Dann kam die Schlacht bei Tannenberg und damit die Befreiung Ostpreußens. Unsere Gemeinde, ja unser Kreis, war vom Feinde verschont geblieben. Groß waren nun die Aufgaben, all den Flüchtlingsscharen, die seit dem 26. August aus den Kreisen Pillkallen, Stallupönen, Gumbinnen, Insterburg, Wehlau, Friedland, Pr. Eylau, Gerdauen, Osterode und Königsberg-Land bei uns einzogen, Unterkunft und Verpflegung zu gewähren, meist zu dauerndem Aufenthalt.

Es ließen sich in Gemeinden, die selbst über 5.000 Seelen zählten, etwa 4.000 Flüchtlinge nieder, von denen nur die aus dem Königsberger Landkreis nach einigen Tagen wieder zurückzogen. Erst seit etwa dem 20. September begann ein allmähliches Abfluten dieser Flüchtlingsscharen.

Arzt und Gemeindeschwester waren leider zur Armee eingezogen. Es gelang jedoch dem Pfarrer, nach persönlicher Rücksprache mit Frau Gräfin Dohna (Maulen) sowie mit dem Herrn Landeshauptmann, zuletzt auch mit dem Herrn Regierungspräsidenten, der durch Bladiau fuhr, zur Pflege dieser Flüchtlingsscharen einen Sanitäter und eine barmherzige Schwester hierher zu bekommen, sowie im hiesigen Gemeindehaus eine Niederlassung für Lebensmittel und warme Kleidungsstücke einzurichten, die vom Herrn Landeshauptmann versorgt wurde.

Der Gesundheitszustand ist bis heute gottlob ein guter geblieben, wenn auch viele Kinder und einzelne alte Leute den Strapazen solcher Zeit erlegen sind. Auch das ganze Löwenhagener Siechenhaus wurde im hiesigen Gemeindehaus untergebracht und ist noch dort; dort ist auch ein Todesfall eingetreten.

Seit dem Unterbringen der Flüchtlinge in der Gemeinde (26. August) fanden statt:

Taufen: Flüchtlinge 18, Gemeindemitglieder 13;

Begräbnisse: Flüchtlinge 24, Gemeindemitglieder 6, meist kleine Kinder und einige alte Leute, dazu ein Soldatenbegräbnis von der Feldwache der Eisenbahn, wo ein Mann vom Zug überfahren wurde.

Eingesegnet wurden die meisten Konfirmanden am 1. September, früher als geplant, weil viele mit ihren Eltern in eine sichere Gegend gehen wollten. Von den Kindern, die vor dem 11. September bereits geflüchtet waren, aber nun zurück gefunden haben, sind fünf am nächsten Sonntag eingesegnet worden. In einem weiteren dritten Gottesdienst wurden am Montag, dem 7. September, weitere vier Flüchtlingskinder, an deren Rückkehr in die Heimat noch nicht zu denken war, eingesegnet. Standesamtliche Not-Eheschließungen sind mehrfach vorgekommen; leider wurde die Trauung dabei aus Zeitmangel bis zur Rückkehr des Bräutigams verschoben.

Der Herr Landeshauptmann übergab mir persönlich zur Flüchtlingspflege 100 Mark. Gespendet wurde aus der Gemeinde für das Rote Kreuz und sonstige Abwendung von Kriegsnöten 1.829,85 Mark, für die Armenpflege in der Gemeinde 109,93 Mark. Außerdem sind größere Summen einzelner wohlhabender Gemeindemitglieder direkt an das königliche Landratsamt für das Rote Kreuz etc. eingesandt worden.

Gott hat soweit wunderbar geholfen, er wird weiter helfen, wenn unser Volk, hoch und niedrig, die Zeichen der Zeit verstehen lernt und in Buße und Glaube alles oberflächliche, sündige Wesen überwindet und immer mehr ein frommes Gottesvolk wird und bleibt. Darum beten wir.

 

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